Gerade sitze ich auf dem Balkon, denke an meine schönste Bergtour des vergangenen Jahres und bekomme gleich wieder einen Anfall von Fernweh – an steile Aufstiege, schroffe Abgründe und atemberaubende Aussichten. Wieso habe ich ausgerechnet über diese Tour noch nichts geschrieben? Das ist ja ein unhaltbarer Zustand und muss schleunigst geändert werden…
Es begab sich also im vergangenen Jahr, dass ich mir die Zeit für einen kleinen viertägigen Kurzurlaub im Stubai frei geschaufelt hatte. Die Wettervorhersage war günstig – mit ein bisschen Glück würde ich fliegen können, im „worst case“ würde das zwar nicht funktionieren, dafür könnte ich dann bei bestem Wanderwetter in die Berge gehen. Win-Win also… 🙂 Und tatsächlich passte der Wind nicht ganz – Föhnwetter, viel zu hohe Windgeschwindigkeiten, also keine Chance, meinem Iota DLS ein paar Flugstunden zu spendieren. Dafür aber eine prächtige Gelegenheit, eine meiner Traumtouren in Angriff zu nehmen: Von Ranalt über die Nürnberger Hütte auf den Roten Grat, von dort auf den Wilden Freiger und letztlich wieder zurück ins Tal nach Ranalt.
Um 3 Uhr klingelte der Wecker – nach einem kurzen Frühstück fuhr ich das Stubaital bis Ranalt hoch und startete gegen 4 Uhr den Aufstieg. Um mich herum tiefstes Schwarz, am Himmel unzählige Sterne, die mir als Großstädter den Mund offen stehen ließen! Immer wieder schaltete ich meine Stirnlampe aus, um diesen wundervollen Nachthimmel bestaunen zu können. Um diese Uhrzeit war es noch angenehm kühl, und ich kam zügig voran. Zunächst ging es den breiten Fahrweg bis zur Bsuchalm, von da über zahlreiche Serpentinen über die Baumgrenze. Als sich der Himmel hinter mir langsam rot zu färben begann, passierte ich die Nürnberger Hütte in Richtung des Freiger Sees. Nun führte der Weg über Gletscherschliffplatten vorbei an zahlreichen kleinen mit Wollgras umstandenen Wasseransammlungen, in denen sich das Morgenrot spiegelte.
Den Freiger See ließ ich links unter mir liegen und ging nun in Richtung Rotgratscharte weiter. Es wurde deutlich steiler, was sich langsam bemerkbar machte. Meine Tourenvorbereitung war nicht ideal gewesen, ich hatte wenig trainiert und war erst seit einem Tag im Stubai. Also viel trinken, regelmäßige Pausen, ja nicht überpacen… Nach dem letzten, sehr steilen und teilweise rutschigen Anstieg zur Rotgratscharte hatte ich endlich wieder Mobilfunkempfang für ein kurzes überfälliges Lebenszeichen an S. und wurde mit einem g-r-a-n-d-i-o-s-e-n Ausblick für die letzten Stunden belohnt. Alleine dafür hätte sich die Tour schon gelohnt, aber ich hatte ja noch einiges vor mir. War ich bislang vollkommen alleine unterwegs gewesen, begegnete ich nun einigen Wanderer:innen, die von der Teplitzer Hütte aus den Wilden Freiger in Angriff nehmen wollten. Doch zunächst führte der Weg über Geröllpassagen und Blockgelände auf den Roten Grat (3099m), den ich 9:20 Uhr erreichte. Mein erster Gipfel der Tour, und gleich ein Dreitausender! Und wieder eine Aussicht, von der ich mich losreißen musste!
Nun ging es zunächst wieder über Blockgelände hinunter zur Freigerscharte (3024m) und von dort steil bergan. Zuerst über Blockgelände, später dann auch entlang eines Firnfeldes bis zu einem Plateau unterhalb des Signalgipfels und des Wilden Freigers. Ich folgte kleinen Serpentinen durch das Geröllgelände, vorbei an der alten, halb verfallenen Zollhütte bis auf den Grat, der den Signalgipfel mit dem Wilden Freiger verbindet. Ich bog rechts ab und hatte nun den Wilden Freiger direkt vor mir! Der Kammweg bis zum Hauptgipfel des Tages wird schmaler, ist an einigen Stellen ausgesetzt und ab und zu musste ich auch die Hände zu Hilfe nehmen. Aber dann war es endlich geschafft – 11:45 Uhr stand ich auf dem Wilden Freiger (3418m)! Strike! Was für ein Glücksgefühl! Was für ein Ausblick! In jeder Richtung Gipfel, darunter die anderen hohen Dreitausender des Stubais, direkt unter mir das ikonische Becherhaus – wundervoll!

Nach einer längeren Pause startete ich mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht den Abstieg. Zunächst wieder auf dem selben Weg zurück zum Plateau unterhalb des Zollhauses, dann aber nach links entlang eines sehr abwechslungsreichen, teilweise seilversicherten und schließlich mit einem kleinen Gegenanstieg versehenen Weges in Richtung Seescharte. Von dort stieg ich zur Nürnberger Hütte hinunter – diesmal machte ich aber kurz Halt und gönnte mir dort gegen 15 Uhr einen Kaffee und ’nen Almdudler! 🙂 Die Schwierigkeiten der Tour lagen nun endgültig hinter mir – gut so, die Höhenmeter des Tages hatten bei mir ihre Spuren hinterlassen, und ich war froh, dass es jetzt nur noch bergab gehen würde. Ich folgte dem Weg zurück ins Tal und stand ein paar Stunden später wieder am Auto – ziemlich ferdsch und überglücklich! 😉
Was für eine fantastisch schöne und anstrengende Tour! Ich bin froh, diese Wanderung gemacht und geschafft zu haben! In dieser Form kann ich sie aber nur ausdauernden, trittsicheren und schwindelfreien Wander:innen empfehlen! Alternativ kann die Tour mit einer Übernachtung auf der Nürnberger Hütte deutlich überschaubarer gestaltet werden. So oder so, der Aufstieg zum Wilden Freiger lohnt sich!
Maximale Höhe: 3421 m
Minimale Höhe: 1385 m
Gesamtanstieg: 3090 m
Gesamtabstieg: -3080 m
Gesamtzeit: 12:48:37
Wie immer gilt auch hier mein Standard-Diclaimer: Ich gebe in meinen kleinen Artikeln nur meine persönlichen Erfahrungen wieder. In den Bergen seid Ihr nat. eigenverantwortlich unterwegs und solltet Euch vor einer Tour ausführlich informieren.
Jaaa, er lebt noch! So lange auf einen neuen Beitrag gewartet 😀 Danke für die schönen Impressionen. Aber was für unchristliche Zeiten, um 3 Uhr aufstehen, ist das noch Urlaub?